Montag, 14. Januar 2013

Neues über Rechtschreibförderung

Diejenigen, die schon meinen Vortrag "Wenn der Fater mit dem Sone" besucht haben, wissen, dass ich wenig von Diktaten halte und viel davon, die Kinder stattdessen freie Texte schreiben zu lassen. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht, aber bisher fehlte mir noch eine wissenschaftliche Bestätigung. Die habe ich nun erhalten.
Das Interview mit dem Frankfurter Sprachwissenschaftler Günther Thomé in der neuen Psychologie heute habe ich geradezu verschlungen. Schon der Titel "Diktate üben? Davon rate ich ganz ab!" - mein Reden seit Jahren. Schade, dass ich das Interview nicht verlinken kann. Günther Thomé hat die DESI-Studie ausgewertet, in der 8000 Neuntklässler ein Diktat schreiben mussten. Es umfasste 68 Wörter und die Schüler haben im Durchschnitt 16 Fehler gemacht. Neuntklässler! 16 Fehler! Als Grund nennt Thomé, dass die Kinder in der Schule Rechtschreibung falsch lernen. So lernen sie zum Beispiel, dass der Laut "i" "i" geschrieben wird, obwohl der lange Vokal viel häufiger "ie" geschrieben wird. Zunächst wird ihnen also etwas beigebracht, dass sie sich später mühselig wieder abtrainieren müssen. Genau das erlebe ich täglich.

Thomé räumt auch mit einem Vorurteil auf, dass mir auch immer wieder begegnet. Viele Eltern vertreten hartnäckig die These, wenn ihr Kind nur mehr lesen würde, wäre die Rechtschreibung auch besser. Dass das nicht so ist, hat unter anderem eine Studie gezeigt, die mir gut gefällt. Man hat nämlich die begeisterten Harry Potter-Leser die Namen der gängigen Figuren schreiben lassen. Die kommen ja auf den Seiten oft genug vor. Die wenigsten konnten sie richtig schreiben. Lesen muss also nicht zwangsläufig zu einer besseren Rechtschreibung führen. Es reicht doch, wenn sich beim Lesen eine neue Welt auftut, die Vorstellungsfähigkeit angeregt und ein Gefühl für Grammatik entwickelt wird.
Statt Diktate zu üben, sollten die Kinder lieber freie Texte schreiben, sagt Thomé. Genau. Manche Lehrerinnen und Lehrer lassen die Kinder daher schon von der ersten Klasse freie Texte schreiben. Ermuntern Sie Ihre Kind dazu. Schenken Sie ihm schon in der ersten Klasse ein Wörterbuch, in dem es Wörter nachschlagen kann. Die meisten Kinder möchten ja richtig schreiben, sie wissen aber nicht, was richtig ist. Wenn sie sich die richtige Schreibweise selbst suchen können, lernen sie weitaus mehr, als wenn Sie die Texte korrigieren.
Und bitte: Wenn Ihr Kind einen Brief schreibt, kritisieren Sie nicht an der Schreibweise herum. Rufen Sie lieber Oma, Opa oder Tante an und erklären Sie ihnen, dass Sie bewusst die Fehler nicht korrigiert haben und es schön wäre, wenn auch vom Empfänger nichts zu den Rechtschreibfehlern gesagt wird. Freude motiviert nämlich auch Kinder mehr als Kritik und Fehlersuche.
Wie wäre es im neuen Jahr mit einem Familientagebuch, in das jedes Familienmitglied seine Erlebnisse einträgt?

Copyright: Text & Foto: Dr. Birgit Ebbert