Dienstag, 29. Januar 2013

Vom Umgang mit Fehlern

"Fehler sind das Tor zu neuen Entdeckungen." Diesen Satz von James Joyce fand ich am Freitag in meinem Sprüchekalender. Eigentlich sollte man diesen Spruch als Plakat drucken lassen und zweimal in jedes Klassenzimmer hängen. Ja, zweimal, so, dass die Schüler den Satz immer wieder sehen und so, dass die Lehrer täglich daran erinnert werden.

Leider sind viele Lehrer noch weit von einer Fehlerkultur entfernt, die Fehler als Chance begreifen. Und das, obwohl jeder von sich selbst weiß, dass er sich Dinge, die er einmal falsch gemacht hat, besonders gut merkt - aber nur dann, wenn er erlebt hat, was der richtige Weg ist.

In der Schule werden falsche Antworten oft sogar noch mit einer schlechten bewertet, anstatt sie als Lernchance zu begreifen. Dabei haben Fehler meist eine Geschichte. Ein Schüler lernt ja nicht ohne Grund etwas Falsches. Entweder hat er es nicht verstanden oder es ist noch gar nicht thematisiert worden. Jeder Fehler eines Schülers birgt also eine doppelte Chance zum Lernen - für Schüler und für Lehrer. Manche Lehrer haben das verinnerlicht, aber eben nur manche.
Wenn ich an die merkwürdigen Berichtigungen denke, die meine Schüler machen müssen, bestätigt sich der Verdacht, dass ein großer Nachholbedarf im Umgang mit Fehlern herrscht. Was lernt ein Schüler denn, der seinen Text mit den Korrekturen des Lehrers abschreiben muss? Im besten Fall nichts, im schlechtesten Fall, dass er beim nächsten Mal lieber weniger schreibt, weil die Berichtigung sonst so lange dauert. (O-Ton eines Achtklässlers!)

Auch nicht besser sind die Schüler dran, die ihre Arbeit gar nicht berichtigen müssen. Wie sollen sie denn aus ihren Fehlern lernen. Kein Wunder, dass sie beim nächsten Mal die gleichen Fehler machen.
Und das sind nur zwei Beispiele aus meinem Alltag mit Schülern, die mich veranlassen, Schüler, Lehrer und Eltern zu ermutigen, Fehler wirklich als Tor zu neuen Entdeckungen zu nehmen.
Schauen Sie sich die Fehler gemeinsam an. Hinterfragen Sie, warum ein Fehler gemacht wurde und lassen Sie die Fehler sinnvoll und selbstständig berichtigen und nicht stupide abschreiben. Da können Lehrer und Schüler aus höheren Klassen von jenen Grundschullehrern lernen, die gleich zu Beginn
des Schuljahres eine Todo-Liste für Berichtigungen verteilen. Hier wird genau erklärt, welcher Fehler auf welche Weise berichtigt werden muss, mal soll der Schüler die Regel nachschlagen und ähnliche Wörter finden, ein anderes Mal das Lernwort dreimal schreiben oder einen Satz mit dem grammatisch falsch genutzten Wort bilden.
Entscheidend ist, dass Fehler nicht als Makel gesehen werden sollten, sondern als Chance - von allen, wirklich allen am Lernprozess Beteiligten. Schreiben Sie sich den Satz von James Joyce auf und denken Sie immer wieder daran. Nicht umsonst ist der Spruch "Aus Schaden wird man klug" überliefert, auch aus Fehlern wird man klug und hätte Christopher Kolumbus keinen Fehler gemacht, hätte er niemals Amerika entdeckt.

Copyright: Text: Dr. Birgit Ebbert, Foto: Ulrich Wens